Computerspiele in der DDR

RENÉ MEYER

In den achtziger Jahren sitzt man in deutschen Kinderzimmern vor dem Commodore 64, Atari 800 XL und ZX Spectrum. In ganz Deutschland? Damals gibt es noch die sozialistische DDR. Getrennt vom Westblock durch eine Mauer. Durch eine Währung, die nichts wert ist. Und durch ein High-Tech-Embargo, das die Einfuhr leistungsfähiger Computer verhindert. Dort sieht die digitale Revolution ganz anders aus - und zugleich genauso.

Vor dem Dilemma, dass der Westen nicht helfen will und der Osten nicht helfen kann, steckt die kleine DDR ab Ende der siebziger Jahre Milliarden in den Aufbau einer Mikroelektronik-Industrie. Ein zentrales Puzzlestück ist der 8-Bit-Prozessor U 880, ein Nachbau des verbreiteten Z 80, der unter anderem im ZX Spectrum und im Schneider CPC steckt. Der U 880 wird der Standard-Prozessor der DDR; er treibt (beinahe) jeden Heim- und jeden Bürocomputer an.

Kleincomputer

Gleich zwei Betriebe stellen auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1984 Heimcomputer vor. Robotron Dresden den Z 9001 und Mikroelektronik Mühlhausen den HC 900. Die Entwickler wissen zunächst nichts voneinander und tauschen sich erst später aus. Obwohl es Konkurrenz zwischen DDR-Betrieben nicht geben soll, lässt man sie gewähren, da Computer dringend benötigt werden. Aber man drängt auf eine Umbenennung. Einerseits um die Namen anzugleichen, andererseits weil klar ist, dass viel zu wenige gefertigt werden können, um sie im "Heim" einzusetzen. So wird aus Heimcomputer Kleincomputer. Aus dem Z 9001 wird der KC 85/1, und aus dem HC 900 wird der KC 85/2. Das sorgt bis heute für Verwirrung.

Dresden baut also die Reihe Z 9001 - KC 85/1 - KC 87.

Mühlhausen fertigt die Reihe HC 900 - KC 85/2 - KC 85/3 - KC 85/4.

Die Kleincomputer sind nicht mit anderen Rechnern kompatibel. Damit unterscheidet sich die DDR nicht nur vom Western, sondern auch von anderen Ländern des Ostblocks: Dort sind Nachbauten des Apple II oder des ZX Spectrum verbreitet. Ungarn vertreibt gar offiziell Rechner von Commodore.

Die KCs aus Dresden sind dabei etwas "offizieller", denn sie kommen vom Flagschiff Robotron. Sie sind aber nicht gut für Spiele geeignet, da sie nur einen Textmodus bieten. Es gibt Buchstaben, Ziffern sowie eine Reihe fester graphischer Symbole. Mit dieser Block- oder Kästchengraphik lassen sich nur einfache Strichbilder erzeugen.

Die KCs aus Mühlhausen beherrschen Vollgraphik. Jeder einzelne Pixel ist ansteuerbar. Das erlaubt individuelle Spielwelten und Charaktere. Zudem haben sie eine gefälligere Tastatur, die vom Grundgerät getrennt ist.

Auch wenn man die Rechner so gut wie nicht kaufen kann, ist die DDR bemüht, die Kleincomputer für jedermann zugänglich zu machen. An vielen Schulen entstehen Kabinette, die man im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften nutzen kann. Auch Hochschulen und Betriebe haben Räume mit Kleincomputern, die auch Schülergruppen nutzen können.

Wie bei Heimcomputern üblich, werden viele Spiele in der leicht zu erlernenden Sprache BASIC entwickelt. Eine Reihe von Büchern enthalten kleine BASIC-Programme zum Abtippen. Der erste Schritt, um selbst Spiele und anderes zu entwickeln. Wertvolle pädagogische Arbeit leisten dabei Hannes Gutzer und Horst Völz. Der eine eher durch Bücher wie "Spiel und Spaß mit dem Computer" und "Kreativ mit dem Computer", der andere durch seine Radiosendungen, Kassetten-Kurse und Sonderhefte. BASIC ist ein leichter Einstieg, ist aber langsam, da beim Start eines Programms jede Zeile eingelesen und interpretiert wird. Für flotte Unterhaltung ist das Lernen der kniffligeren Maschinensprache nötig. Zum Speichern und Laden von Programmen verwendet man Tonbandkassetten.

Wettbewerbe dienen als Ansporn. So findet etwa 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins ein Programmierwettbewerb statt; 1988 lädt die 1. Jugendcomputerolympiade nach Eisenach ein; und 1989 wird in Bulgarien die erste internationale Informatik-Olympiade veranstaltet, bei der Schüler aus Ost- und Westdeutschland Medaillen gewinnen.

Die DDR bemüht sich, auch junge Menschen für Computer zu begeistern und begreift Spiele als Schlüssel zu einem leichten Zugang. Natürlich hat "Computersport" in der DDR auch eine ideologische Komponente; natürlich hat der Staat einen Blick darauf, welche Spiele in den Klubs kursieren; doch in erster Linie lässt man die jungen Tüftler machen. Zumal selbst Pädagogen unaufgeregt die Vorzüge von Spielen diskutieren - und bereits der Begriff "Kulturgut" fällt.

Dabei haben Spiele aus der DDR oft westliche Vorbilder. Das beliebte "Digger", von dem nach der Wende auch eine PC-Version entsteht, ist etwa ein Nachbau von "Boulderdash"; "Mad Breakin'" eine Variante von "Breakout". Viele Versionen entstehen von "Pac-Man", von "Ladder" und von "Defender". Es gibt einige Textadventures mit Standgraphiken, wie das verbreitete "Abenteuer im Niemandsland", das man oft nur "Schloss" nennt. Dem Taktikspiel "Star Trek", das seine Wurzeln im Großrechner hat, kann auch auf dem KC gefrönt werden.

Mühlhausen entwickelt selbst eine Reihe von Spielen, die auf Kassette vertrieben werden - und spricht gezielt Hobby-Entwickler an, deren Programme zu vertreiben. Darunter ist Andreas Hakel aus Cottbus. Sein "Hase und Wolf" in der Art von "Pac-Man" wird vom Jugendradio DT 64 ausgestrahlt (als Muster von Geräuschen, die Computer zurück in Bits verwandeln); "Vier gewinnt" kann er an Mühlhausen verkaufen. Der Hersteller lädt ihn zusammen mit einer Gruppe weiterer Entwickler ein, um den neuen KC 85/4 vorzustellen. Sie erhalten den Rechner leihweise, um ihre Spiele daran anzupassen. Der Leipziger Raimo Bunsen verbreitet seine Spiele wie "Bennion Geppy" auf der Leipziger Messe. Er lädt sie einfach in die Kleincomputer auf den Ständen der Aussteller - und freut sich am nächsten Tag darüber, wo sie überall laufen. Entwickler geben zuweilen nicht nur ihren Namen im Spiel an, sondern auch ihre Anschrift, damit sie kontaktiert werden können.

Computer-Bausätze

Da die KCs nicht für den freien Verkauf vorgesehen sind, bietet Robotron eine Alternative an: den Mikrorechnerbausatz Z 1013. Das einfachste Modell kostet nur 690 Mark. Günstiger gerät man in der DDR nicht an einen Computer. Ohne weiteres bekommt man den Z 1013 aber nicht. Man muss ihn vorbestellen und erhält erst ein Jahr später die Einladung, das Gerät in einem Fachgeschäft in Erfurt abzuholen. Der Karton ist nichts für jedermann. Man erhält nur eine (immerhin fertig bestückte) Leiterplatte und eine sehr einfache Tastatur, die man erst anlöten muss. Mit einem Netzteil und einem Fernseher kann man den Rechner einschalten; doch außer einem einfachen Betriebssystem ist keine Software enthalten. All diese Hürden reizen Bastler eher. Mit 25.000 Exemplaren wird er der meistverbreitete DDR-Rechner in Haushalten. Mit schwarzweißer Blockgraphik und ohne Ton ist er nicht ideal für Unterhaltung; doch auch hierfür entstehen natürlich Spiele wie das Plattform-Abenteuer "Kings' Valley".

Ähnliche Bausätze werden von Zeitschriften vorgestellt und im Laufe vieler Ausgaben begleitet: Der Amateurcomputer alias AC-1 ist das Projekt vom FUNKAMATEUR; der JU+TE des Magazins Jugend+Technik.

Bürocomputer

Für viele öffnet die Arbeitsstelle den ersten Zugang zu Computern und damit zu Spielen. Dort stehen oft Bürorechner wie der PC 1715 aus Sömmerda. Sie laufen mit einer DDR-Variante des Betriebssystems CP/M, des Vorläufers von DOS, für das es viele Spiele gibt. Zwar ist der Bildschirm nur grün, und alle Levels und Figuren setzen sich aus Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen zusammen. Doch das tut dem Spaß keinen Abbruch, wenn man das erste Mal "Leiter", "Wurmi" oder "CatChum" ausprobiert, die an "Donkey Kong" "Snake" und "Pac-Man" erinnern.

Die Nachfolger des KC

Zu einem Schulfach Informatik kommt es in der DDR nicht mehr; aber andere Fächer binden Computer (und Taschenrechner) in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre stärker ein. Das mündet im Bildungscomputer A 5015 von Robotron. Er ist wie der PC 1715 mit dem DDR-CP/M und einem Diskettenlaufwerk ausgestattet und netzwerkfähig . Da die Serienproduktion erst Mitte 1989 beginnt, werden nur einige tausend Geräte produziert.

Mühlhausen stellt überraschend den Nachbau eines Westcomputers vor: Der KC compact ist nahezu vollständig kompatibel zum Schneider CPC. Doch er erscheint erst im Frühjahr 1990, wenige Wochen vor der Währungsunion. Nur wenige werden verkauft. Heute ist er ein seltenes Sammlerstück.

Westcomputer

Computer aus dem Westen werden in der DDR nicht regulär vertrieben. Dennoch gibt es viele Wege, zum Beispiel an einen Commodore 64 zu gelangen. Der Staat hat nichts gegen die Einfuhr; und so bringt manche Oma von ihrem Westbesuch einen Computer (oder Kassettenrekorder) mit. In speziellen Geschäften, den Intershops, wird gegen Westwährung Westtechnik verkauft. Zuguterletzt wird man fündig in den Kleinanzeigen von Zeitungen und Fachmagazinen - allerdings für viel Geld. Westcomputer werden für viele tausend Mark der DDR verkauft, das Mehrfache eines Monatsverdienstes. Das führt dazu, dass vor allem günstige Computer wie der ZX 81, der ZX Spectrum oder der Atari 800XL angeschafft werden. Im Kulturpalast Böhlen bei Leipzig wächst das größte Community-Treffen der DDR. KCs sind dort aber die Ausnahme; vor allem Atari gibt den Takt an. Es gründen sich sogar einige Clubs für Westcomputer, etwa in Berlin und Dresden. Auch hier versucht man, mit pfiffigen Ideen Lösungen zu schaffen, bastelt etwa eine Brücke zu elektronischen Schreibmaschinen, um sie als Drucker zu verwenden.

Bildschirmspiel 01

Ende der siebziger Jahre erhält das Halbleiterwerk Frankfurt/Oder den Auftrag, eine Pong-Konsole zu entwickeln, wie sie im Westen in jedem Kaufhaus steht. Da es sich nicht in der Lage sieht, passende Schaltkreise in vertretbarer Zeit und zu vertretbaren Kosten selbst zu entwickeln, werden 1.000 Pong-Chips aus dem Westen importiert: Der Schaltkreis von General Instrument enthält verschiedene Varianten des Spiels. Man braucht im wesentlichen nur noch ein Gehäuse, Tasten, ein Netzteil und einen Antennen-Anschluss. Mit westlichen Pong-Konsolen hält das Bildschirmspiel gut mit; der Preis von 550 Mark der DDR ist aber zu hoch. Nur 1.000 Stück werden produziert; trotzdem sind auf Ebay immer mehrere Angebote zu finden. Doch immer wenn ein neuer Bericht über die "einzige Spielkonsole der DDR" oder gar die "seltenste Spielkonsole der Welt" erscheint, schnellen die Preise nach oben.

Poly-Play

Das Symbol für DDR-Spiele schlechthin ist sicher der Münz-Automat Poly-Play. Poly steht einerseits für den Hersteller Polytechnik Karl-Marx-Stadt (das heutige Chemnitz) und andererseits für Vielfalt: Nach dem Einwurf von 50 Pfennig wird aus meist acht schlichten Spielen gewählt. Sie tragen Namen wie "Hirschjagd", "Hase und Wolf" und "Abfahrtslauf". Entwickelt werden sie auf einem ZX 81; sie erreichen damit nicht einmal das Niveau der Kleincomputer. Für viele sind sie jedoch der erste Zugang zu Videospielen. Es werden rund 2.000 Poly-Play gefertigt, die man in Freizeiteinrichtungen und Hotels aufstellt. An manchen Orten erwirtschaftet ein Gerät mehr als 100 Mark am Tag.

Schachcomputer

Das Schachland DDR fertigt auch Schachcomputer, beginnend mit der Musterserie SC1 über den SC2 bis zum Chess-Master. Hier muss man die Züge nicht mehr über eine Tastatur eintippen; das Brett erkennt, wie die Figuren gezogen werden.

LCD-Spiele

Kleine LCD-Spiele sind auch in der DDR beliebt, auch wenn sie nicht dort gefertigt werden. Entweder werden sie aus dem Westen mitgebracht (oder in einem Paket verschickt), oder man greift in der Sowjetunion zu: Dort gibt es eine große Palette an Bildschirm-Spielen der Marke Elektronika, die der Game&Watch-Serie von Nintendo nachempfunden ist.

Nach der Wende

Nur neun Monate nach der entscheidenden Montagsdemonstration, am 1. Juli 1990, zieht die D-Mark in die Haushalte der DDR - und öffnet die Türen zur gesamten bunten Computerwelt. Angesichts C64 und Amiga geraten die Kleincomputer ins Hintertreffen. Zugleich bricht die Mikroelektronik-Industrie der DDR zusammen. Allein die Fertigkeiten der Ingenieure und Programmierer bleiben. Sie finden anderweitig Unterschlupf: Auf den Trümmern von Robotron entsteht im Raum Dresden das größte Halbleiter-Zentrum Europas.

Nur von den Spiele-Entwicklern in der DDR bleibt fast niemand bei seiner Passion. Eine Ausnahme ist André Weißflog, der in der DDR KC-Spiele wie "Jungle" mitentwickelt und später bei TerraTools, Radon Labs und Bigpoint an Spielen wie "Drakensang" arbeitet.

Durch seine Medien-Unternehmen in Städten wie Köln, München, Frankfurt und Hamburg und die bereits in den achtziger Jahren entstehende Industrie samt ihrer Netzwerke hat der Westen weiterhin einen Vorsprung. Bis heute gibt es in den fünf neuen Bundesländern kein einziges größeres Spiele-Unternehmen.

Als Zentrum der Spieleszene im Osten etabliert sich Leipzig. Hier startet 2002 die weltgrößte Spielemesse Games Convention (die 2009 als Gamescom nach Köln zieht), gefolgt von der DreamHack und nun der CAGGTUS Leipzig. Daneben gibt es die Lange Nacht der Computerspiele, die bereits seit 2007 stattfindet, die Entwickler-Konferenz NERDICon und monatliche Branchen-Treffen mit Vorträgen.

Die private Hochschule Macromedia und das SAE Institute bieten beide Game Design an. Das R42-Förderprogramm unterstützt Startups unter anderem mit Workshops und Beratung. Leipzig ist Sitz der Mitteldeutschen Medienförderung, die seit vielen Jahren auch Spiele unterstützt, und des Branchenverbands Games & XR Mitteldeutschland. Zudem gibt es einen aktiven E-Sport-Verein mit eigenen Räumlichkeiten.

Und die DDR-Computer? Sie geraten nicht in Vergessenheit. Noch heute gibt es eine kleine Community. Sie steht auf drei Pfeilern: der Website Robotrontechnik.de, Wissensdatenbank und Forum, dem KC-Club mit seinem jährlichen Treffen und dem RECHENWERK-Museum in Halle, das DDR-Computer nicht nur sammelt, sondern restauriert und Software und Dokumentationen archiviert.